Einzelhandel ohne eigene Ware?

Durch die Übernahme von Jet.com durch Walmart könnte im Einzelhandel etwas Wichtiges verschwinden – das Lager.

In jedem Gespräch über die digitale Disruption werden früher oder später folgende Beispiele genannt:

  • Uber – das größte Taxiunternehmen der Welt besitzt keine eigenen Fahrzeuge
  • Airbnb – der Hotelriese ohne eigene Hotels

Gibt es auch Einzelhändler, die keine Waren besitzen?

Man nennt das Konzept Konsignation. Das heißt, der Einzelhändler ist technisch nicht der Eigentümer der Waren, die verkauft werden, und die Waren bleiben bis zum Verkauf Eigentum des Lieferanten. Das kann aus vielen Gründen sinnvoll sein, nicht zuletzt weil der Einzelhändler kein Kapital in Waren binden muss. Auch wenn bestimmte Waren noch unerprobt oder sehr teuer sind und ihr Absatz deshalb fraglich ist, kann ein Konsignationslager sinnvoll sein.

Walmart war einer der Pioniere des Konsignationslagers im Einzelhandel. Auch eBay wird manchmal als Konsignationshändler bezeichnet. Ich sehe eBay allerdings als Marktplatz, der Privatpersonen oder Unternehmen eine Plattform bietet, auf der sie als Händler Geschäfte mit Konsumenten abschließen können.

Je nachdem, wo ich mich auf der Welt befinde, kann ich bei Walmart, Tesco, Carrefour, Edeka, Albert Heijn, ICA oder Woolworths Produkte unterschiedlicher Marken oder Hersteller in einer Transaktion kaufen. Wenn ich online bestelle, erhalte ich die Waren in einer Sendung. Das ist bei eBay anders.

Dort werde ich auch Produkte vieler unterschiedlicher Marken und Hersteller finden, jedes vielleicht in einem eigenen eBay-Shop. Ich muss also mehrere Transaktionen ausführen und auf mehrere Lieferungen warten. Einen eBay-Shop, der alles verkauft, was ich brauche, werde ich wohl nicht finden.

Als ich gelesen habe, dass Walmart drei Milliarden US-Dollar für Jet.com bezahlt war mein erster Gedanke: ein fantastischer Betrag für ein Unternehmen, das nicht einmal zwei Jahre auf dem Markt und zudem noch nicht profitabel ist. Bei näherer Betrachtung ist die Übernahme von Jet.com für Walmart jedoch die Chance, im Online-Geschäft schnell an Boden zu gewinnen.

Das Jet.com-Modell, nach welchem der Rabatt mit der Menge der gekauften Produkte steigt, ist ziemlich einzigartig. Seine Technologieplattform dafür hat das Unternehmen von Grund auf neu entwickelt. Jet.com kann nach der Übernahme die Walmart-Supermärkte als Lager nutzen, und Walmart erreicht Kunden, die normalerweise nicht dort kaufen.

Für den traditionellen Einzelhandel ist der Einstieg ins Online-Geschäft mit Schwierigkeiten verbunden. Er muss seine Legacy-Prozesse und IT-Systeme, die auf einen einzigen Vertriebskanal, nämlich den stationären Laden, ausgerichtet sind, umgestalten, und das ist eine riesige Aufgabe. Das kann auch einer der Gründe dafür sein, dass so mancher Einzelhändler mit der Einführung von Omnichannel immer noch kämpft.

Nicht jeder hält die Übernahme von Jet.com durch Walmart für eine gute Idee. Der ehemalige CEO von Sears Canada, Mark Cohen, denkt, sie sei hinausgeworfenes Geld. „Ich bin der Meinung, sie haben drei Milliarden Dollar für eine Idee ausgegeben, die sie selbst hätten haben müssen.“ Cohen, heute Director of Retail Studies an der Columbia Business School, sagte der Nachrichten-Webseite Business Insider: „Das sieht aus und fühlt sich an, wie ein langer Pass mit wenig Erfolgsaussichten. Für mich ist das ein großer Fehler.“

Dennoch gibt es einen Präzedenzfall dafür, wie durch die Übernahme eines reinen Online-Händlers das Online-Geschäft eines klassischen Einzelhändlers schnell angekurbelt werden kann: die britische Warenhauskette John Lewis macht mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes im Online-Geschäft. Das ist ungewöhnlich viel, und diese Stärke geht zurück auf eine Übernahme im Jahr 2001.

Jet.com könnte Walmart den Schub geben, den das Unternehmen braucht, um mit Amazon Schritt zu halten. Aber es gibt noch andere, interessantere Chancen. Vielleicht übernimmt Walmart durch den Zukauf ja im Einzelhandel die Rolle von Uber oder Airbnb.

Das gemeinsame Unternehmen Jet.com/Walmart könnte ein echter Mittler zwischen Hersteller und Kunde werden, das zwar kein eigenes Lager hat, aber (dank der Walmart-Infrastruktur) dennoch über die Einrichtungen verfügt, Bestellungen zu lagern, zu kommissionieren, zu packen und an Kunden zu versenden – und zwar für Produkte aller Marken und Hersteller.

So etwas gibt es im Einzelhandel bisher noch nicht. Und vor dem Hintergrund der Kaufkraft und der Erfahrung von Walmart mit Konsignationslagern bietet sich für Jet.com eine fantastische Chance. Walmart/Jet.com könnte somit der größte Einzelhändler ohne eigene Ware werden.

Alexander Lemm

Business Consultant bei SAG Deutschland GmbH (Software AG)
Digitalisierung fasziniert mich. Ich arbeite jeden Tag mit Unternehmen, die unterschiedlichste Systeme nutzen und dennoch ihre Prozesse immer effizienter gestalten müssen. Sie wollen Lieferketten und Lagerverwaltung optimieren, und aus Daten Mehrwerte schaffen, um bspw. eine intelligente Omni-Channel Orchestrierung oder eine 360 Grad Kundensicht zu unterstützen. Sie wollen Ihr traditionelles Geschäftsmodell ergänzen und neuste digitale Services wie Click & Collect anbieten. Als Experte im Bereich Handel und Konsumgüter finde ich täglich Lösungen für diese Herausforderungen.

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