Warum vor allem Insurtechs das Versicherungsgeschäft umkrempeln

Die Nachfrage nach verständlich formulierten und bedarfsorientierten Versicherungen wächst – und wird in erster Linie von Insurtechs bedient. Diese Start-ups gehören, zusammen mit Produktinnovationen und IT-Systemoptimierung, zu den drei Trends, die in diesem Jahr disruptiv auf die Versicherungsbranche wirken werden.

Junge Kunden verstehen lernen

Die sogenannten Millennials sind die erste Generation von digital Natives. Sie posten in sozialen Netzwerken, kaufen online ein, nutzen Apps und Gadgets. Insurtechs, junge Start-ups in der Versicherungsbranche, schaffen es, diese Aktivitäten in ihrer Datenanalyse einzubinden und daraus maßgeschneiderte Angebote zu machen. So ersparen sie es ihren jungen Kunden, seitenlange Hausratspolicen nach Leistungen für Handys, Smart Watches oder Fahrrädern zu durchforsten. Mit einem schnellen und bedarfsorientierten Angebot treffen Insurtechs den Nerv der Generation Y, weil sie ihre Kunden verstehen. Das ist eine digitale Fähigkeit, die etablierte Versicherungsfirmen erlernen müssen.

Diese Start-ups vereinen Insurance und Technology, indem sie Prozesse digitalisieren – und zwar losgelöst von bestehenden Produkten, Systemen und Strukturen. Sie brechen wie Fintechs, ihre Verwandten aus der Finanzwelt, etablierte Marktmechanismen auf. Dadurch gerät die Versicherungsbranche unter Druck, ihre Prozesse, Systeme und Angebote anzupassen und verbessern zu müssen.

Immer mehr Insurtechs starten durch. Eine Entwicklung, die 2017 nochmal deutlich an Fahrt gewinnen wird. Die Start-ups versuchen sich dabei meist als Makler, die Versicherungsportale oder Plattformen zum Vergleichen anbieten. Eine erste digitale Krankenkasse hat mittlerweile bei der Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) die Zulassung beantragt. Die Geschäftsmodelle überzeugen Investoren. Insurtechs haben 2016 rund 77 Millionen Euro an Kapital eingesammelt. Gegenüber dem Vorjahr floss damit mehr als das Doppelte in den digitalen Versicherungsmarkt in Deutschland, rechnet der digitale Versicherungsmakler Finanzchef24 in einer Studie vor.

Traditionellen Versicherungen droht daher zunehmend, von ihren jüngeren Kunden abgeschnitten zu werden. Wie lässt sich das verhindern? Auf die Start-ups zugehen und mit ihnen gemeinsam attraktive Produkte entwickeln ist ein vielversprechender Weg zum digitalen Erfolg.

Zwei Wege zum individuellen Zuschnitt

Produktinnovationen sollen passgenau auf die Bedürfnisse des Kunden eingehen. Aktuell zeichnen sich zwei Trends ab: Das Individualisieren traditioneller Produkte und das Entwickeln ganz neuer Versicherungen. In die erste Kategorie fallen etwa zeit- und nutzungsabhängige Kfz-Versicherungen, die sich stärker an der tatsächlichen Nutzung des Autos orientieren. Auch verstärkte Kooperationen, etwa mit Autoherstellern für individuellere Policen, zeigen, dass in etablierten Produkten Innovationspotenzial steckt.

Am interessantesten sind die neuen Cyber-Versicherungen, um sich gegen Hacks und Datenverluste abzusichern. Noch ist jedoch nicht ganz geklärt, wie sich die Risiken am besten bewerten lassen, da eine verlässliche Basis schwer zu etablieren ist. Doch technische Hilfen wie Real Time Analytics lassen Unternehmen Datenlecks schneller erkennen und helfen, Schäden zuverlässiger zu bewerten. Hier wird sich einiges tun, daher wird die Cyber-Versicherung eines der spannendsten Produkte in diesem Jahr.

Standardisieren und Synergien in der IT nutzen

Versicherungen müssen sich noch auf einer anderen Ebene anpassen: Die Niedrigzinsen verlangen danach, die Kosten herunterzufahren. Vor allem im Bestands- und Schaden-Management wollen viele die selbstgestrickten Lösungen aus der Vergangenheit durch Standardsoftware ersetzen. Hier ist Vorsicht geboten, denn individualisierte Systeme bieten gerade bei sehr ähnlichen Produkten einen Marktvorteil. Und die Standardsoftware muss in die Prozesse und IT-Systeme der Versicherung integriert werden. Daher gilt: Standardisierung ja, aber mit Augenmaß.

Handlungsbedarf ergibt sich bei der internen IT noch an vielen anderen Stellen: Noch immer setzen Versicherungen teils hunderte verschiedener Systeme ein. Zahlreiche Anwendungen benötigt jedoch niemand mehr. Bei bestehendem Bedarf lassen sich Anwendungen zusammen mit anderen Systemen durch eine neue Standardsoftware ersetzen. Ein umfassendes IT-Portfoliomanagement identifiziert Synergien und spart Kosten.

Die aktuellen IT-Trends fordern Versicherer heraus, sich stärker zu digitalisieren. Sie sollten Insurtechs, Produktinnovationen und IT-Systemoptimierung als Chancen begreifen, um ihre Marktchancen deutlich zu verbessern.

Werner Rieche

Werner Rieche

Geschäftsführer bei SAG Deutschland GmbH
Werner Rieche schreibt als Experte zu den Themen "Digitalisierung Made-in-Germany", "Umgang und Nutzen großer Datenfluten", "Sicherheit von Daten" sowie "Einfluss und Rolle von Digitalisierungsthemen auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene". Er verfügt über mehr als zwanzig Jahre Erfahrung in der IT-Branche und ist Geschäftsführer der Software AG Deutschland. Digitalisierungsthemen beschäftigen ihn in diesem Rahmen alltäglich und auf strategischer Ebene.
Werner Rieche

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